Vakuum Veggie



Mit 16 waren ich und ein Freund 2 von 3 Vegetariern an einer Schule von 400 Schülern. Mit 18 reduzierte sich der Abstand vom nächstgelegenen Supermarkt von 12km auf 400m und ich war 2 Jahre sehr konsequent vegan.

Mittlerweile nehme ich moralische Ansprüche an mein Essen wieder etwas gesellschaftsfähig entspannter, doch die Präferenzen bleiben. Was mir dabei an vermarktet tierfreier Ernährung an den Kopf stößt will ich ein bisschen von mir lassen:

Kochkultur

Dem Konzept von Vermarktung in einigen Punkten entgegengestellt: Das Selbermachen.

Grade durch Begrenzungen eingeschränkte Kunstformen bringen in Literatur und Musik unter Künstlern eine Herausforderung an den Künstler, sich in einem begrenztem Suchraum kreativ ungeahnte Ästhetik zu erzeugen. Das brachte uns unter anderem Elfchen, Haikus, Pixelkunst, 8-Bit und 12-Ton Musik.

Tierfreies Kochen vermag durch Begrenzungen die Herausforderung an den Koch bringen, in einem begrenzterem Suchraum ungeahnte Ästhetik zu erzeugen, wenn man sich dann selbst an den Herd wagt.

Den Geschmack lokaler Getreide und Gemüse kennenzulernen und den Mut mit der Notwendigkeit ungewöhliches zu kombinieren sind vielleicht oft Grund für verzogene Gesichter und sollten deshalb zuerst alleine getestet werden, bringen aber auch neue Lieblinge zutage.

Polenta, Hirse, Buchweizen, Grünkern, Topinambur, Leinsamen und 1000 Bohnenarten seien hier empfohlen.

Fleischimitation und 3 Komponenten

Die berühmte 3 Teile Alu-Menüschale als Geschirrkomponente ist für mich Ausdruck der tiefen Verwurzelung des 3 Komponentengerichts in die deutsche Hausmannskost.

Fleisch-Gemüse-Sättigungsbeilage wird zu Vleisch-Gemüse-Sättigungsbeilage

Das ist wohl, was die meisten Leute erwarten, und Erwartungen befriedigen ist ja bekanntlich gleich Profit. An dem Grundkonzept der Gerichtskombination ist ja auch nichts verkehrt, aber wenn Kantinen, Mensen und Restaurants ihre Speisekarte vegetarisch/vegan schimpfen, nur weil sie ein gummiartiges Schnitzel durch einen übersalzenen Sojalappen ersetzen, dann finde ich das traurig.

Tierfrei ist eben nicht zur klassische Hausmannskost, aber wenn die Leute nie klassische tierfreie Hausmannskost kennenlernen, dann bleibt das Bild von tierfrei bei: das Schnitzel mit dem "trockenes Sojaschnitzel" zu ersetzen.

Die Breite der kulinarischen Möglichkeiten dem Verzehrenden nahezubringen sehe ich als Hauptaufgabe der tierfreien Küche, nicht Erwartungen zu befriedigen.

Wenn ich an meine eigenen Kulinarausgaben denke, dann endet es oft in der von den Kassierern besungenen veganen Pampe als Brei, Suppe oder Eintopf oder einfach mal ein Kilo Gemüse roh wegzumampfen mit ein wenig Honig oder Leinöl. Irgendwas zu kombinieren, woraufman gerade einfach hunger hat.

Aber die gläserne Biomolkerei ist doch gut...

Argumentativ untermauert versteh ich, dass Butter durch Palmöl zu ersetzen ökologischer ist, da für beides Urwälder abgeholzt werden, nur für die Butter über den Tiermagen der 10-fache Ertrag an Kalorien vergessen wird und damit auch mehr Fläche verrodet.

Persönlich steh ich vor jedem Kuchen den ich backe dem 70er Jahre Dilemma Magarine oder Butter gegenüber. Geschmacklich gewinnt die Butter und auch meine Vorstellung eines gesunden Bauernhofs mit genügend Großvieheinheiten je Fläche verleitet. Letztendlich sind ökologische-moralischen Folgen der 99% Butter aus Massentierhaltung eigentlich in keiner Weise eine Rechtfertigung für ein halbes Pfund Tiereuterfettsekret, aber manchmal bin ich unmoralisch, faul und unreflektiert.

Ich denke aber, dass keine Siegel-Werbeversprechung dem mündigen Konsumenten vormachen sollte, dass die Milchindustrie ein Problemkind ist, dass weder den Bauern, noch den Tieren, der Umwelt, der Welternährung, der eigenen Gesundheit oder irgendetwas gerecht wird. Agrarsubventionen wären an anderen Stellen sehr viel angebrachter (Ernährungssouveränität statt Kalorienimport) und die Milchindustrie soll sich ordentlich gesund schrumpfen.

Das funktioniert eben nur, wenn wir alle unseren Milchkonsum runterschrauben und die Agrarpolitik ihre Strategie ändert.

Fazit

Am Ende bleibt Ernährung für mich und die meisten Leute eine angebotsabhängige Entscheidung, die von vielen Impulsen, Gewohnheiten und "man-sollte's" abhängt.

Die Überkreuzung von Ernährung und Ideologie kann denke ich nie der Mehrheit der Esser, gegen die Bequemlichkeit eine andere Esskultur bringen. Erst müssen eine kritische (doppeldeutig ;)) Menge von Leute auf individueller Ebene eine bewusste Verständnis- und Verhaltenskultur zu den Dingen haben die sie essen, damit Politik, Erzeuger und Supermärkte ihre Verantwortung der Welternährung ernst nehmen können und und eine gewisse Normalisierung und Angebotsschwelle erreicht ist.

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